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Die ungebremste Kreativit├Ąt 6/6: Christoph Schlingensief
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Von Peter Michalzik und Dirk Pilz

F├╝r alle, die mit den ├Ârtlichen Gegebenheiten in Z├╝rich nicht ganz vertraut sind, hier der Kurzreisef├╝hrer: Der Pfauen ist die B├╝hne des Z├╝rcher Schauspielhauses in der R├Ąmistrasse, das Theater am Neumarkt ist ein Theater am Neumarkt. Der Pfauen ist gro├č, das Neumarkt klein, beide liegen nah beieinander, dazwischen aber liegt noch das Kunsthaus. Christoph Schlingensief machte w├Ąhrend seiner Auff├╝hrung vom Neumarkt zum Kunsthaus und weiter in den Pfauen eine Prozession, direkt hinein in die dortige Auff├╝hrung von Ren├ę Pollesch. Das sorgte, nicht nur bei Pollesch, f├╝r sch├Âne Verwirrung.

Wo ├╝berhaupt sollte man hingehen? Im Pfauen zeigte Pollesch sein neues St├╝ck “Calvinismus Klein”, w├Ąhrend der krebskranke Schlingensief parallel im Neumarkt sein neues St├╝ck “Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 Minuten.” zur Auff├╝hrung brachte. W├Ąhrend Schlingensiefs Arbeit eine einfache, pers├Ânliche Skizze zum “Sterben” ist, setzt Pollesch sich mit “Liebe” und dem “interpassiven Theater” auseinander. Hier folgt, da der teilbare Theaterkritiker noch nicht erfunden ist, die “interaktive Doppelkritik” mit Clash im Pfauen und Epilog im Neumarkt.

Wie redet man ├╝ber das Sterben? Eine Antwort auf die Frage w├Ąre fast schon ein Antwort auf die Frage: Wie stirbt man? Das ist Schlingensiefs Frage. “Ich atme ein, ich atme aus” sagt Herr Andersen und geht damit auf die B├╝hne, genauso wie seine Frau.

Weder f├╝r Jean Chaize noch f├╝r Brigitte Cuvelier ist das Deutsche die Muttersprache, beide strengen sich sehr an, deutlich zu sprechen. Andersen erf├Ąhrt, dass er in 60 Minuten sterben muss, seine Frau jammert dar├╝ber mehr als er. Die beiden sch├Ânen T├Âchter Andersens interessieren sich nicht sehr f├╝r den Vater. Und flugs geht es auf den ersten Elementarsatz zu: “Der K├╝nstler kann das Nichtk├Ânnen, das muss auch der Sterbende lernen: das K├Ânnen des Nichtsk├Ânnens.”

Alles kugelt

Es ist Programm: Alles ist hier Skizze, blo├č keine Stilisierung, blo├č kein k├╝nstliches Gef├╝hl. “Und nachher gehen wir lecker Pizza essen”, sagt Frau Andersen zum Nichtk├Ânnen. Daneben kugelt ein Baby im Kinderwagen eine Treppe hinunter und man kugelt sich ├╝berhaupt am Boden, auch das betont unprofessionell, dazu viel Wagner vom Band und viel Video. Ein typisches Schlingensief-Chaos, diesmal in der ganz kleinen Form. Dazwischen werden wir und Herr Andersen immer wieder daran erinnert, wie viele Minuten er noch zu leben hat. “Noch 47 Minuten.”

Dann die Prozession zum Neumarkt. Sie wird von vielen singenden Messdienern begleitet. Frau Andersen ist jetzt Maria, Herr Andersen wird Christus, tr├Ągt sein Kreuz und bricht darunter zusammen. Eine Z├╝rcher Passion. Im Kunstbau wird Andersen das erste Mal in den Sarg gelegt. Ein Schild verk├╝ndet der Stadt: “Aktion Aufrecht sterben”, ein Megaphon kracht, jemand ruft: “das Gef├╝hl des Schmerzes”. Da erschallt der Ruf: “Habemus Papam!” Schlingensief erscheint als Papst und mit Wuselper├╝cke auf einer S├Ąnfte: “Ich kann Euch leider nicht helfen! Lasst uns in den Pfauen gehen.”

Dort, im Pfauen bei Ren├ę Polleschs “Calvinismus Klein”, hat Martin Wuttke seit knapp einer Stunde immer wieder gerufen: “Ich verstehe das nicht!” Die Hand wischt dazu fahrig die Stirn hinauf. “Warum m├╝ssen wir immer selbst lieben? Ich will, dass das endlich jemand anderer f├╝r mich macht.” Wuttke rennt die Treppe hinauf, verheddert sich im Vorhang, und Carolin Conrad schiebt die Stirn in Falten: “Ich kann deiner Logik nicht folgen.” Aber um Logik geht es auch nicht. Es geht in Ren├ę Polleschs j├╝ngstem Werk um das “interpassive Theater”, sagt Wuttke, um “die Unaktive im Bad!”, sagt Conrad, um den “Boulevard-Schmerz” wird Schlingensief gleich sagen.

Niemand kann so sch├Ân verwechslungskom├Âdienselig Theorien, Theaterformen und Thesen ineinander schachteln und gleichzeitig so glaubenseifrig seine Dogmen predigen wie Ren├ę Pollesch. Deshalb auch der Schmerz: Polleschs Theater will, dass wir an Erkenntnis gewinnen, es will aber auch, dass wir nicht dauernd unseren Kopf anschalten. Immer streiten diese zwei Seelen in seinem B├╝hnenspiel, und fast immer siegt die Am├╝sierlust des Publikums - es wurde auch in Z├╝rich viel und herzhaft gelacht. Wahrscheinlich gibt es im Stadttheaterbetrieb derzeit kein besseres Boulevardtheater, zumal wenn es mit zwei Schauspielern wie Conrad und Wuttke gesegnet ist.

Eine widerliche Kunstform

Mit Calvin hat diese Show in der Zwingli-Stadt Z├╝rich allenfalls am Rande zu tun. ├ťberhaupt ist die neueste Polleschiade kaum mehr als eine fahrige Vorstudie zum “interpassiven Theater”. Wuttke und Conrad verwechseln es dauernd mit dem “interaktiven Theater”, diese “widerliche Kunstform der Geselligkeit”. Interpassives Theater w├Ąre, sagt Wuttke, “wenn der Schauspieler am Ende mit deiner Begleitung nach Hause geht. Dann musst du das nicht tun.” Das interpassive Theater ist Entlastungstheater. “Aber ein interpassives Theaterst├╝ck, was soll das sein?” Carolin Conrad holt sich ein neues Kleid, Martin Wuttke verzweifelt. Boulevard eben.

Und dann kommt Schlingensief auf die B├╝hne: “Es geht nicht um mich!” Die Messdiener summen “Oh Haupt voll Blut und Wunden”, Schlingensief erinnert an seinen Neonazi-Hamlet vor acht Jahren in Z├╝rich und verliest in Schweizerdeutsch aus der “20-Minuten-Zeitung”, was die Z├╝rcher vom Minarett-BauverbotVolksentscheid halten: “Jo sicher, isch des guot so!” Wuttke und Conrad spielen einfach weiter, Schlingensief robbt die Rampe entlang: “Ich will eure Toilette sein.” “Und ich will Entlastung!” ruft Wuttke. Boulevard-Schmerz eben.

Also schnell zur├╝ck zum Sterben. Wieder wird unterwegs gesungen, “Tod ist ein langer Schlaf, Schlaf ist ein kurzer Tod”. Beim Epilog im Neumarkt h├Âren wir viel “Parsifal”, auf dem Video sehen wir eine Spinne in Gro├čaufnahme. Adorno sagt durch den Mund der Tochter Janine, dass die Musik nicht sterben kann. Herr Andersen legt seine Familienmitglieder um und wird dann endg├╝ltig in den Sarg gelegt. Da tritt noch einmal “Papst Mabuse” Schlingensief auf.

Schon den ganzen Abend lang war die Frage “Wie sterben?” gleichbedeutend mit der Frage “Wie kann ich in Gott sein?”

Nun sagt Schlingensief uns, ganz einfach, dass er nicht an die Holzfiguren Josef und Maria an der Krippe glauben kann. Er sagt es aber so, dass man ihm glaubt, dass er gerne an die beiden glauben w├╝rde. Schlingensief kann und will ohne Glauben nicht leben - und nicht sterben. Er steigt jetzt in die mystische Welt von Meister Eckhart, Nikolaus von Cues und Slavoj Zizek.

Gott ist, sagt Schlingensief, und meint es ganz ernst, Gott ist genauso zerrissen wie wir. Weil Gott nicht mit sich eins ist, k├Ânnen wir eins mit ihm werden. “Nur dann, wenn ich den unendlichen Schmerz der Trennung von Gott erlebe, teile ich eine Erfahrung mit Gott selbst, mit Christus am Kreuz.” Er meint das als Trost und M├Âglichkeit.

Was Schlingensief in Z├╝rich zeigt und tut, ist kein Theater mehr und keine Kunst. Wenn es etwas ist, dann ist es Gottesdienst. Es ist noch n├Ąher am Gottesdienst als es die “Kirche der Angst” war. Und was er sagt, ist sehr nahe an der Predigt. Das geht, ohne peinlich zu sein, weil er es nicht zu kaschieren sucht. Schlingensief fragt angesichts seines Sterbens naiv und ├Âffentlich nach Gott. Er ist jetzt wirklich ein Sterbelehrer. Wenn es noch Propheten geben k├Ânnte, m├╝sste man ihn einen Prophet nennen. Die Position jedenfalls ist vakant.

Theater am Neumarkt: 8. Dezember Schauspielhaus Z├╝rich, Pfauen: 8., 14., 16., 18. Dezember

www.temporaereleichenhalle.ch
www.schauspielhaus.ch

Frankfurter Rundschau vom 6.12.2009




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