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Die ungebremste Kreativit├Ąt 6/6: Christoph Schlingensief
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Weltpremiere am 14. Februar 2012 auf der Berlinale, Sektion: Berlinale Shorts Wettbewerb

SAY GOODBYE TO THE STORY (ATT 1/11)

Vorf├╝hrungen im Rahmen der Berlinale 2012:

10.02._ 22:00_ CinemaxX 3_ Pressevorf├╝hrung
14.02._ 22:00_ CinemaxX 3_ Weltpremiere
15.02._ 17:45_ Colosseum 1
17.02._ 16:00_ CinemaxX 5

Ein Albtraumniederschlag: GESTRICHENE Szenen eines Films, der allein aus gestrichenen Szenen besteht. Ihr wahrhaftigster Moment ist eine Traumsequenz, in der sich rauschhaft alle Qual der ersten Sequenz aufl├Âst, um im Spuk einer dritten Sequenz zu landen. Nichts ist fertig, nicht einmal die Zwischentitel. Alles ist im Werden. Oder Vergehen. Schlingensief verzweifelt an seinen Darstellern, die vor seiner Kamera, also im Weg stehen. Er flucht, er tanzt durchs Bild, er wiederholt und wiederholt. Er wischt das Objektiv, auf der Suche nach dem Moment zwischen den Bildern.

Ein Not-Making of, das uns mehr ├╝ber den Tod einer Geschichte erz├Ąhlt als eine Geschichte ├╝ber den Tod einer Geschichte es k├Ânnte. ÔÇťOnce more: Everybody has to learn, that sometimes there is a good moment to say goodbye to the story. — And then itÔÇÖs perfect.ÔÇŁ Dieses Fragment ist so perfekt, weil ein Film, wie wir ihn kennen, ein einziger Fehler gewesen w├Ąre. (J├Ârg van der Horst)

Weitere Informationen zum Film: www.filmgalerie451.de

Berlinale Shorts 2012

Anmerkungen

Die Dreharbeiten zu THE AFRICAN TWINTOWERS fanden im Oktober 2005 in Namibia statt, als dritte Station von Christoph Schlingensiefs vierteiligem Projekt ÔÇ×Der AnimatographÔÇť. Ein Spielfilm sollte es werden, der sowohl die Stoffe der beiden vorangegangenen Projektstationen (Reykjavik, Neuhardenberg) aufnehmen als auch Schlingensiefs in Teilen traumatische Erfahrungen am Gr├╝nen H├╝gel in Bayreuth verhandeln sollte.
Der Plot ging ungef├Ąhr so: Ein wahnhafter Regisseur, der unter Duschzwang leidet, soll im ehemaligen Deutsch-S├╝dwestafrika die Er├Âffnungsoper Bayreuth-gleicher Festspiele inszenieren. Er verliebt sich in die kultur- und lebensm├╝de Tochter der Festspielfamilie und f├╝hlt sich fortan verfolgt: von ihren Eltern, von ihrem Bruder, von einem V-Mann der Freiwilligen Selbstkontrolle, einer fehlgeleiteten Entwicklungshilfepolitik ÔÇô und von der Idee einer Oper, die er niemals machen wird.
Die gewollte Konfusion durch ein an losen Ideen reiches Drehbuch wurde bald schon von der Konfusion vor Ort eingeholt: Im Anschluss an ein Produktionsessen in L├╝deritz wurde Schlingensiefs Laptop mitsamt der einzig g├╝ltigen Drehbuchversion von Stra├čendieben geklaut.

In der Folge drehten Schlingensief und sein Team buchst├Ąblich durch, jeden Tag, ohne festen Plan, in gro├čen Teilen spontan. Schlingensief versuchte, wesentliche Szenen des Plots (z.B. Aufbau und Einweihung einer Drehb├╝hne in einem Township vor den Toren der Hafenstadt L├╝deritz) nachzustellen. Gleichzeitig drehte er kurze ÔÇ×RemakesÔÇť von ihm gesch├Ątzter Filme (Fitzcarraldo, Faster Pussycat Kill Kill, Der Stand der Dinge, Lucifer┬┤s Rising u.a.). Der Film, der ihm urspr├╝nglich vorschwebte, hatte sich verselbst├Ąndigt.
F├╝r mich als Produzent war all das einerseits ein Desaster, andererseits erschien es nie hoffnungslos. Was jeden Tag gedreht wurde, war so intensiv, aufregend und wahnsinnig, dass ich fest daran glaubte, dass Schlingensief es sp├Ąter irgendwie zusammenf├╝gen k├Ânnte.
Er konnte es nicht. Die Dreharbeiten und die daraus entstandenen circa 260 Stunden Filmmaterial waren ihm Segen und Fluch zugleich. Segen, weil sie seiner Idee vom Film, der sich von seinen Machern l├Âst und zwischen den Bildern ein Eigenleben entwickelt, sehr nahe kam. Fluch, weil auch Schlingensief nicht mehr Herr ├╝ber das Material war. F├╝r ihn wie f├╝r uns war es nicht mehr zu fassen.
Aber THE AFRICAN TWINTOWERS lie├č Schlingensief nicht mehr los. In den Folgejahren tauchten Bilder und Fragmente in unterschiedlichen Formen in Schlingensiefs Arbeiten auf, so in einer 18 Monitore umfassenden Installation im Haus der Kunst M├╝nchen (2007) oder beim Berlinale Forum Expanded (2009). Was sie uns zeigen, sieht jeder anders. Was sie uns sagen, sagt jeder sich selbst. Gespenster der Freiheit. Sie bezeichnen zweierlei: Schlingensiefs Vertrauen in unsere M├╝ndigkeit als Zuschauer und seine bedingungslose Liebe zum Film, den er stets als Heimat begriffen hat.
Wann der 20-Min├╝ter SAY GOODBYE TO THE STORY (ATT 1/11) genau entstanden ist, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass Schlingensief ihn in wenigen N├Ąchten selbst geschnitten hat. Nach seinem Tod, bei der Organisation seines Filmarchivs, bin ich wieder darauf gesto├čen. Der Film besteht aus drei Szenen, die unter extremen Bedingungen entstanden sind. Zwei der Szenen wurden sp├Ąt nachts gedreht, kein Darsteller, kein Teammitglied war darauf vorbereitet. Da wir alle in einer kleinen Lodge zusammen wohnten, konnte Schlingensief jederzeit einen ├ťberraschungsdreh ansagen. Und das tat er!

Die dritte Szene, eine Traumsequenz in der Mitte des Films, entstand in einem geradezu manischen Rauschzustand aus ├ťberm├╝dung, lauter Musik und Geschrei in einer leer stehenden Diskothek in L├╝deritz.

(Frieder Schlaich, ATT - Produzent)

Zitate

Wir haben 180 Stunden gefilmt, darunter auch kurze, aufflammende Momente der Gl├╝ckseligkeit, in denen alles passte. Mich hat das in den besten Momenten an Dieter Roths Arbeit erinnert, in welcher er sich ├╝ber Monate und Jahre hinweg immer gefilmt hat ÔÇô eine Arbeitsweise, die den Zuschauer also per se ├╝berfordert. … Man k├Ânnte sagen, dass ich mir die Dimensionen der Unternehmung im Vorfeld nicht ein einziges Mal richtig vorgestellt habe. (Christoph Schlingensief im Interview mit Max Dax, Juni 2010)




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